Viele Menschen in Niederschönhausen erleben es regelmäßig: Der Rettungshubschrauber kreist über dem Kiez oder landet ganz in der Nähe. Viele haben schon spektakuläre Einsätze beobachtet: Etwa, wenn sich ein Notarzt aus dem Hubschrauber abseilt, oder der Heli auf Parkplätzen landet.
Für manche ist das beruhigend, für andere beunruhigend – und für viele bleibt die Frage offen: Warum kommt der Hubschrauber hier so häufig zum Einsatz, oft sogar bei Einsätzen in direkter Umgebung? Früher war das doch schließlich nicht der Fall.
Die Antwort liegt vor allem in der aktuellen Struktur der Notfallversorgung im Berliner Norden.
Neuer Luftrettungsstandort seit 2024
Seit dem 2. Januar 2024 ist am Helios-Klinikum Berlin-Buch der Rettungshubschrauber „Christoph 100“ stationiert. Betrieben wird er von der DRF Luftrettung im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport.
Der Standort ist Teil einer strategischen Entscheidung des Landes Berlin: Die vorhandene Versorgung reichte nicht mehr aus, um die Bevölkerung im Norden der Stadt und im Umland flächendeckend schnell zu versorgen.
Die DRF Luftrettung selbst entscheidet dabei nicht über neue Standorte. Grundlage war eine landesweite Bedarfsanalyse, anschließend folgten Ausschreibung und Vergabeverfahren. Im Dezember 2021 erhielt die DRF den Zuschlag.
Einsatzgebiet reicht bis nach Brandenburg
„Christoph 100“ ist ein Hubschrauber des Typs H145 mit Fünfblattrotor und Rettungswinde. Sein offizielles Einsatzgebiet umfasst Notfälle in Berlin und Brandenburg. Innerhalb eines Radius von 60 Kilometern kann er jeden Einsatzort in maximal 15 Flugminuten erreichen.
Alarmiert wird der Hubschrauber über die Leitstelle der Berliner Feuerwehr – sowohl für akute Notfälle als auch für sogenannte Intensivtransporte, also Verlegungen kritisch erkrankter Patientinnen und Patienten zwischen Kliniken.
An Bord sind:
- Piloten der DRF Luftrettung
- Notfallsanitäter sowie Notärztinnen und Notärzte der Berliner Feuerwehr und des Bundeswehrkrankenhauses
Flüge bis 22 Uhr – auch bei Dunkelheit
Der Standort Berlin-Buch ist für die DRF ein Novum: Die Station arbeitet nicht nur tagsüber, sondern von 6 bis 22 Uhr. Dadurch fliegt der Hubschrauber regelmäßig auch in der sogenannten fliegerischen Nacht.
Aus Sicherheitsgründen sitzt dann immer ein Pilot und ein Co-Pilot im Cockpit – beide mit Nachtsichtgeräten ausgestattet und speziell geschult. Technisch und personell ist der Standort also auf einen erweiterten Betrieb ausgelegt.
Viele Einsätze direkt im Nahbereich
Auffällig ist: Ein großer Teil der Einsätze findet nicht auf dem Land, sondern direkt im Umfeld von Berlin-Buch und Pankow statt. Zahlen aus einem CDU-Antrag in der Bezirksverordnetenversammlung zeigen:
312 von 1.326 Einsätzen zwischen Januar und August 2024 erfolgten im unmittelbaren Nahbereich. Der Hauptgrund: In vielen Fällen ist kein bodengebundenes Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) rechtzeitig verfügbar.
Fehlt ein freies NEF, wird der Hubschrauber selbst für kurze Distanzen alarmiert – auch dann, wenn eigentlich kein Flug über mehrere Kilometer nötig wäre.
Das führt zu:
- hoher Lärmbelastung für Anwohnerinnen und Anwohner
- hohen Einsatzkosten
- einer nicht optimalen Nutzung der Luftrettungsressourcen
Politische Debatte um ein „Hubschrauber-Ersatzfahrzeug“
Um genau dieses Problem zu entschärfen, wird nun auf Bezirksebene über eine Ergänzung des Systems diskutiert: ein sogenanntes Hubschrauber-Ersatzfahrzeug (HEF).
Ein solches Fahrzeug wurde im Mai 2025 an der DRF-Station in Weiden (Bayern) eingeführt – mit Erfolg. Das Prinzip: Die medizinische Besatzung des Hubschraubers kann bei schlechtem Wetter, in der Dunkelheit oder bei technischen Problemen schnell per Fahrzeug zu Einsätzen im Nahbereich ausrücken.
Keine Perspektive für zusätzliches Notarztfahrzeug
In einer aktuellen Vorlage des Senats zur Verbesserung der Notarztversorgung im Pankower Norden wurde deutlich, dass ein zusätzliches reguläres NEF derzeit nicht vorgesehen ist. Vor diesem Hintergrund rückt das HEF als pragmatische Lösung in den Fokus.
Was das für Niederschönhausen bedeutet
Dass der Rettungshubschrauber so häufig über Niederschönhausen zu hören und zu sehen ist, liegt also nicht an einer außergewöhnlich hohen Zahl an Notfällen im Kiez, sondern an strukturellen Engpässen in der bodengebundenen Versorgung im Berliner Norden.
Solange es dort nicht mehr verfügbare Notarztfahrzeuge gibt, wird der Hubschrauber auch weiterhin für kurze Strecken eingesetzt werden – um in Notfällen alle Menschen schnell versorgen zu können.

